PGS Hanau - Schulzeitung

Unser Leben ist von vielen Regeln bestimmt. Mir fallen da spontan und völlig ungeordnet die Straßenverkehrsordnung, das Bürgerliche Gesetzbuch, der berühmte „Knigge“, die 10 Gebote und natürlich unsere Schulordnung ein. Wir brauchen Regeln. Sie engen nicht nur ein, sondern sie eröffnen auch einen Spielraum des Handelns. Damit können sie uns aufzeigen, was wir von anderen erwarten dürfen und was von uns erwartet wird. Deshalb fördern und erleichtern Regeln auch unser Zusammenleben. Schließlich können sie uns und andere zusätzlich vor Gefahren schützen, wenn wir uns denn daran halten. Jede Gemeinschaft, die glücken soll, ist auf klare, eindeutige und einfache Regeln angewiesen. Egal, ob man miteinander lebt, arbeitet oder spielt - jedes Miteinander braucht verständliche Regeln. Deshalb gibt es zum Beispiel im Sport standardisierte Regelwerke und Fairness-Regeln, die für jedes Team - national oder international - gelten. Ein Fußball-Tor in Berlin ist genauso groß wie in London. In Barcelona besteht eine Herren-FußballMannschaft genauso aus elf Männern wie in München. Wer seinen Mitspieler foult, sieht erst die gelbe, dann die rote Karte und muss die Konsequenzen dieser Regel tragen. Fehlen in einer Gemeinschaft die notwendigen Regeln, stellt bald jeder seine eigenen Regeln auf. Das Ergebnis davon werden in Kürze Konflikte, Missverständnisse bis hin zum Chaos sein. Deshalb braucht jede Familie, jede Schule, jeder Verein für ein gemeinsames Miteinander Regeln, die es einzuhalten gilt und die den Ordnungsrahmen vorgeben, in dem man handeln kann. Natürlich muss in diesem Zusammenhang die Frage erlaubt sein, ob wir durch Regeln unserer Freiheit beraubt werden. Besonders Teenager stellen Regeln und Grenzen sehr oft in Frage und wir Erwachsenen sind manchmal davor auch nicht gefeit, wenn wir Regeln begegnen, die für uns nicht einsichtig sind und bei denen wir uns letztlich nur gegängelt fühlen. Der entscheidende Punkt jedoch ist: Einerseits brauchen wir Freiheiten, um uns entwickeln zu können, andererseits aber auch Grenzen, um uns und andere nicht zu gefährden. Freiheit darf nicht Grenzenlosigkeit bedeuten. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinemanderen zu“. Diese kurze Lebensweisheit, die schon unsere Vorfahren an ihre Kinder weitergegeben haben, regelt die oben beschriebene Situation auf sehr einfache Weise, kommt aber nur als ein schlichter und netter Reimvers daher. „Und genau das ist falsch“, betont heute die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (London). Diese „Goldene Regel ist der Schlüssel zum Mitgefühl. Und Mitgefühl ist wesentlich für unser Leben, befinden wir uns doch in einer gefährlich polarisierten Welt. Es gilt, eine Welt aufzubauen, in der Menschen in Respekt miteinander leben können. Deswegen sollen wir auch das Ethos der Goldenen Regel in die Tat umsetzen“. Karen Armstrong, die sich als Religionswissenschaftlerin und Philosophin in den letzten Jahren intensiv mit dieser Lebensweisheit beschäftigt hat, hält die Orientierung an der Goldenen Regel zwar für niveauvoll, aber nicht für problematisch. Sie wurde 1944 in England geboren und war als junge Frau katholische Nonne. Nach dem Austritt aus dem Orden hat sie u.a. als Professorin am Leo Baeck - College zahlreiche Bücher veröffentlicht und für ihre Arbeiten viel Anerkennung erhalten. Interessant ist, dass dieser Grundsatz in den verschiedensten Religionen auf ähnliche Arten wiedergegeben wird. Diese Regel wird als eine allumfassende, allgemein menschliche, im besten Sinne „ewige“ Wahrheit gesehen, da sie den Menschen menschlich macht. Der Psychotherapeut Erich Fromm hält es für unerlässlich, an der Goldenen Regel festzuhalten, da sie der seelischen Gesundheit diene. Nur sie fördere die Nächstenliebe und das Mitgefühl und damit das menschliche Leben. „Die FairnessRegel verfolgt hingegen das Ziel, sich nicht verantwortlich für den anderen und eins mit ihm zu fühlen, sondern von ihm getrennt und distanziert zu sein. Die Fairness Regel bedeutet, dass man zwar die Rechte seines Nächsten respektiert, nicht aber, dass man ihn liebt“. Im Christentum finden wir die Goldene Regel in der Bibel. Sie steht im Matthäus-Evangelium: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Mt. 7, 12). Jesus hat diese Worte am Ende seiner berühmten Bergpredigt gesprochen. Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten, dass auch Jesus die Goldene Regel hoch geschätzt hat und dabei ausschließlich das Tun und Erleben des Guten im Blick hatte. Der Wunsch, anderen bewusst mit Worten und Taten Gewalt anzutun, scheidet als Interpretation dieser Form der Goldenen Regel aus, da sie an die „Erfüllung des Gesetzes und der Lehre der Propheten“ gebunden bleibt, also an die Perspektive, Frieden und Gerechtigkeit zu fördern. Mit dieser Regel fordert Jesus seine Jünger zu tatkräftigem Handeln heraus. Nicht negatives Unterlassen wird empfohlen, sondern es wird erwartet, dass wir positiv und aktiv das Gute für unseren Nächsten tun. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass unser Handeln gleichzeitig unabhängig davon ist, wie uns andere behandeln. Es gibt keine Wenn-dann-Bedingung. Es geht nicht darum, dass der andere uns zuerst wohlgesonnen sein muss, damit auch wir ihm wohlgesonnen gegenübertreten können. Wir sind aufgefordert, anderen so zu begegnen, wie wir es uns selbst von ihnen wünschen. Dazu wird nötig sein, dass wir die Menschen so sehen, wie Gott sie sieht. Für Gott ist jeder Mensch wertvoll und liebenswert, d.h. er ist es wert, geliebt zu werden. Dabei dürfen wir PGS Hanau 02 Leben nach der Goldenen Regel weiter auf Seite 3

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